Andreas Knipping's satirischer Blick aufs Jahr 2016

Andreas Knipping

Liebe Genossinnen und Genossen, in der vorigen Woche habe ich mich doch glatt einmal vertan. Da bin ich am Donnerstag ins Primavera gegangen, weil ich einfach glaubte, es sei schon der 1. Donnerstag im Monat, und meine lieben Genossinnen und Genossen würden mich zum Stammtisch begrüßen.

Aber kaum hatte ich mich hingesetzt, merkte ich, dass ich niemanden kannte. Noch bevor ich zum Weggehen aufstehen konnte, war ich aber schon freundlich ins Gespräch integriert. Rechts neben mir saß ein auffällig altertümlich gekleideter Mann. Er lobte die guten Straßen von Eichenau insbesondere für Fußgänger, was mich als Verkehrsreferenten natürlich besonders interessierte. Auffällig wurde mir, dass er die Bürgersteige konsequent als Reichsbürgersteige bezeichnete. Interessant auch die Mitteilung, dass er heute Nachmittag einen Reichsburger gegessen hätte.

Daher wehte also der Wind. Ich hatte es mir immer schon als durchaus spannend vorgestellt, einmal mit einem echten konsequenten Reichsbürger zusammenzusitzen. Ich ließ mir seine Reichsbahnfahrkarte von Königsberg in Ostpreußen nach Eichenau zeigen, ich fragte ihn – Ihr kennt mein großes Hobby – nach den Dampflokomotiven, mit denen er die weite Reise zurückgelegt hatte. Ich befragte ihn nach seinen persönlichen Eindrücken von den Reichspräsidenten Friedrich Ebert und Paul von Hindenburg und dem Reichsaußenminister Gustav Stresemann und freute mich sogleich darauf, dem Historiker an der Spitze unseres Ortsvereins Martin Eberl demnächst brühwarm von meiner Begegnung mit einem Zeitzeugen der Weimarer Republik erzählen zu können.
Ich konnte dann allerdings nicht umhin, gegenüber dem Reichsbürger mein überlegenes Wissen des Nachgeborenen anzubringen. Hoffentlich ist er mir nicht böse, weil ich ihm erzählen musste, dass sein Reich ein paar Jahre später in die Hände einer Verbrecherbande fallen wird und dem von dieser Verbrecherbande angezettelten Krieg zum Opfer fallen wird und dass nur sozial gestörte Feinde der Demokratie später einmal Sehnsucht nach diesem aus dem Ruder des Rechts gelaufenen Reich entwickeln werden.

In der Gesprächspause, in der mein Reichsbürger an diesen Nachrichten zu schlucken hatte, wendete ich mich meinem Nachbarn auf der linken Seite zu. Er ist ein DDR-Bürger. Aufgrund einer gewissen Reiseerleichterung, die der nicht mehr ganz junge Egon Krenz schon 2014 anlässlich des 65. Jahrestages der Deutschen Demokratischen Republik verkündet hat, durfte er 2016 für zehn Tage in den Westen fahren. Er erinnert sich mit Schrecken, aber auch mit Faszination an den November 1989, als ja die DDR für ein paar Tage völlige Reisefreiheit in Richtung Westen gewährt hatte. Sicher wird man ihm zustimmen können, dass die seinerzeit wankende DDR-Führung in psychologischer Hinsicht gut beraten war, den eigenen Bürgern einfach einmal einen schonungslosen Blick auf den Kapitalismus zu ermöglichen. Gewisse Tendenzen der Unzufriedenheit und die ständigen Bestrebungen in Richtung Ausreise kamen dann ja alsbald zum Erliegen. Diese Stabilisierung wird auf lange Sicht bis etwa ins 22. Jahrhundert auch zu einer Verbesserung der Konsumsituation in der DDR führen. Mein Gesprächspartner bezeichnete sich auch als einen „historischen Optimisten“ im Sinne der Philosophie von Hegel. Das bedeutete für ihn die Erwartung, dass der Sozialismus auch im Westen siegen werde. Die Jüngeren unter uns würden noch ein unter Führung der SED vereinigtes Deutschland mit einer Kanzlerin Sarah Wagenknecht erleben.

Wie jeder kurzzeitig ausreiseberechtigte DDR-Bürger war auch mein Stammtischkumpan mit Westgeld äußerst schwach bestückt. Gerne hätte er ein zweites Bier getrunken, wusste aber nicht, ob er sich das leisten könnte.

Da kam uns der Herr zu Hilfe, der uns genau gegenüber saß. Er winkte souverän mit einem 100-DM-Schein und posaunte: „Geht alles auf meine Rechnung“. Das Kennzeichen seiner Währung war mir der verlässliche Hinweis dafür, dass es sich um einen Bürger der alten Bundesrepublik handelte. Nach einigem Smalltalk fragte ich ihn vorsichtig nach seinen Wahlpräferenzen. Selbstverständlich werde er und würde er in seinem ganzen Leben CSU wählen. Denn nur dadurch hätte er die Garantie für die Aufrechterhaltung vieler ihm wichtiger Grundsätze. Er wolle zum Beispiel nicht eine Zeit erleben, in der die Schwulen und die Lesben auch schon heiraten dürften. Ebenfalls lag ihm viel an einer bleibenden Garantie gegen irgendwelche ungeordneten Flüchtlingsströme aus fernen Ländern. Die Welt sei beispielsweise mit dem Bezug von billigen Rohstoffen aus der Dritten Welt und dem Export von Waffen und überschüssigen Lebensmitteln dorthin doch wirklich wohlgeordnet, und hieran sollte man bitte nicht rütteln. Mittellose Menschen müsste man wirklich nicht importieren. Eine starke Präsenz der CSU in Bonn sei auch die beste Garantie für eine angemessene Auswahl von Bundeskanzlern. Wenn es nach SPD und Grünen und sonstigen Linksradikalen ginge, würde man am Ende irgendwann eine Frau als Kanzlerin haben, möglichst noch eine als Pfarrerstochter und Wissenschaftlerin getarnte kinderlose Kommunistin aus der Ostzone.

Allmählich wuchs bei mir die Sehnsucht nach einem Menschen, der ganz einfach im Jahre 2016 lebt. Eine Dame mit blauem Anstecker am Gewand gab sich als echte Gegenwartsperson zu erkennen. „Alternative für Deutschland“ las ich auf dem Etikett und fragte neugierig, was sie als Frau von Gegenwart denn so alles für Deutschland tue. Da kam eine lange Aufzählung. „Ich verunglimpfe bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Bundespräsidenten und verspotte die Bundeskanzlerin; ich gebe lautstark meiner Verachtung für den Bundestag und den ganzen umständlichen Parlamentarismus Ausdruck; ich leugne die elementaren Werte unserer verfassungsmäßigen Ordnung, ich säe nach besten Kräften Zweifel an der Stabilität unserer Währung; ich läute unserem Rentensystem das Totenglöckchen und werbe für Schwarzarbeit; ich unterstütze vorbehaltlos einen russischen Diktator, der in Europa den ersten Territorialkrieg des 21. Jahrhunderts führt; ich hasse unsere Bündnissysteme NATO und EU und applaudiere jedem ungarischen, polnischen, österreichischen und britischen Populisten, der denselben Hass artikuliert; und ich bin als Frau der Meinung, dass man es mit Frauenrechten mal nicht übertreiben sollte. Aber natürlich sollen die Rechte der Neger und der Schwulen und der Juden und der Moslems auch begrenzt werden. Die türkischen und arabischen Frauen sollen das Kopftuch ablegen und es den braven schwäbischen Bäuerinnen zurückgeben, die auf der schwäbischen Alb wieder ihre Gärten bestellen. Ich bin gegen Sexualkunde an den Schulen, weil mit allzu gut informierten Kindern den Männern der sexuelle Missbrauch unnötig erschwert wird. Und ich wecke bei schlichteren Gemütern die Vorstellung, mit Brandsätze gegen Flüchtlingsunterkünfte jene Ordnung herstellen zu müssen, die uns von der Regierung verweigert wird.“ Ich müsse ihr Recht geben, dass sie doch wirklich eine Patriotin sei. Ich antwortete, dass sie mir eher wie eine Idiotin vorkomme, aber sie meinte, dass das alles Fremdwörter seien, auf die man doch auch mal verzichten könnte. Ich fragte dann noch, ob sie nicht eigentlich eine „Alternative gegen Deutschland“ propagiert, war aber schon wieder von anderer Seite abgelenkt. Ein Mann in einem opulenten Trachtenanzug verschenkte an alle Anwesenden Porträts von König Ludwig II. und gab sich als dessen bedingungsloser Anhänger und Untertan zu erkennen. Ich fragte natürlich, ob er vielleicht über die exklusiven Informationen über die Todesumstände des Märchenkönigs verfügt. Seine Antwort erstaunte mich: König Ludwig lebt doch noch, genauso wie Elvis Presley, John Lennon und John F Kennedy. Wer hat denn den Freistaat Bayern gegründet, wenn nicht unser guter König? Von wem hätten denn unsere Ministerpräsidenten wie Strauß, Stoiber und Seehofer, sämtlich selbst sehr schlichte Gemüter, ihre hervorragenden Ideen, wenn nicht vom König Ludwig? Der Transrapid, die Doofbrindt-Maut, die Obergrenze für Regierungsintelligenz, die Riedberger Schischaukel: alles Sensationen, für die man in 100 Jahren genauso gerne Eintritt bezahlen wird wie jetzt für Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee.

Irgendwie lief mir dieser gesellige Abend aus dem Ruder. Hatte ich zu viel getrunken oder hatte ich das alles nur geträumt? Jedenfalls freute ich mich auf den nächsten richtigen und echten Donnerstagstermin mit meinen Genossinnen und Genossen, die ihren festen Platz in dieser Welt haben und die für sich und für die Politik unseres Landes zuverlässige Orientierungen besitzen. Schön dass es Euch gibt, und schön, dass ich mit Euch in vielen anstrengenden, aber auch wertvollen Vorstands- und Fraktions- und Ortsvereins- und Unterbezirksversammlungen wichtige Stunden meiner Freizeit verbringen darf.