Andreas Knipping: Jahresrückblick 2011

Liebe Genossinnen und Genossen,

scho‘ wieda is‘ a Jahr verganga, und wie kurz dass eich scheint, merkt daran, dass‘ eich wie vorgestern vorkimmt, dass der nämliche Mundartdichter eich was vazählt, den’s ös schon a 10, 15 Johr‘ dafür hernehmts. Ich mach‘ ös a noch a paar Johr‘, weil i‘ mia immer eibuid‘, dass dafia irgendwann amoi a Freibier hergeht. Aber der Kassierer soid si damit ned oizvui Zeit lassen, denn ich hab‘s aiam Vorsitzenden schon oft gesagt: kurz vor i stirb‘, tritt i ja zur CSU über, weil es mia liaba is, dass oana von dene eigrom werd.

Damit samma scho beim Thema, was uns in dem Jahr bewegt hat. As beste, was passiert ist, is des, wos ned passiert is, nämlich Trauerfälle in unserer ja nimmer so ganz jugendlichen G‘sellschaft. Wenn ma no‘ a paar Johr‘ durchhoitn, wird sich des mit da Sterberei sowieso erledigen, weil dann die noch verbleibenden Genossinnen und Genossen nimma rüste gnua san, um am Friedhof mitzumgeh. Wenn’s a moi soweit is, brauchts a nimma sterm.

Außer Todesfällen san uns auch Wahlniederlagen erspart bliem, und ma miassat scho arg bes sei, wenn man des darauf zruckfian woit, dass ma in dem Jahr irgendwelche Wahlen ganed g‘habt ham.
Der einzige wirklich schmerzhafte Verlust war die Schließung vo unsam Traditionswirtshaus beim Schliefer. Bei alle Überlegungen, was ich eich zur Jahresabschlussfeier wieder vazein kannt, hab ich mi unwillkürlich immer in die historische Kegelbahn vo da Post projiziert, und bei jeder Hoiben, die i im letzten Hoibjohr politisch gsuffa hab, ist in mir schon wieder die Vorfreid dawacht, wia i de Flüssigkeit wieder auf dem historischen Schlieferscheißhaus ganz gmiatlich wieder aussabiesel.
Beim letzt‘n Abend im Schliefer hat mi‘ denn a der größte Schock vom ganzn Jahr ereilt, mag doch der Handelshauserkare mir hireim, dass i ned boarisch re‘n ko. Au weh, hob i ma denkt, jetzt hast mi dawischt. Da lebst seit fast 60 Joar in Minga, Gremzei und Eichenau, und jetzt des. As schlimmste war: er hat ja recht gehabt. Ihr werts eich erinnern: no im Sommer war ich ja ein richtiger Norddeitscha, ein richtiger Preiß, ein richtiger Norddeutscher, ein richtiger Preuße, genauer gesacht einer jener liebenswerten Zeitjenossen, die sich irgendwo im Umfeld vom Schiemsee und von Ruhpolding niederjelassen haben und gerne fast alles mitmachen, was die Eingeborenen so treiben. Immer gerne mal n‘ Glass Bier, wobei das so genannte Moaßl ja nun doch ein bisschen viel ist, ich will ja kein Batt drin nehmen. Auch gerne mal ein Paar Weißwürstchen mit Mostrich und eine Salzbrezel dazu oder ein Leberkäsebrötchen. An manches in Bayern kann man sich nich so leicht jewöhnen, das ewige Kammerfensterln ist nicht jedermanns Sache, und warum man hier unbedingt Schafskopf spielt statt Skat, leuchtet mir auch nicht ein.

Also, hob i ma denkt, wie kimmst Du jetzt aus dem Fahrwasser endlich außa? Nimmst Sprachunterricht, hob i ma denkt. Aber wo? A pensionierta Lehrer gherat her, der häd Zeit und kannt ma was beibringa. Also, hob i zum Gumtau gesagt, Michi, vor’st jetzt völlig narrisch wirst mit deine Straßenlaterna, lernst du mir Boarisch. Fuchzg Stund bis zur Jahresabschlussfeier. Haut scho, hat er gsogt, geh her, des pack ma. Im Dezember red‘st du boarisch so guad wia i oder d‘ Franziska oder da Sturm Kurte oder da Logemann gerade so, als tatst du seit fünf Generationen am Starzelbach lem. As Ergebnis hert‘s heit.

No in der Zeit, wo ich boarisch gelernt hob, ist ein ander‘s Problem aufkemma, weil s auf amoi ghoaßn hat, a jede Parteigliederung braucht 10 oder 15 % Migranten. Und schon hat der Eberl Martin g‘schrian: wo bringa jetzt mia an solcha Haffa Migranten her. Dass die Merkert Gertrud a Bosnierin ist oder der Storch Reinhold a orthodox-jüdischer Kontingentflüchtling aus Russland oder die Morjan Renate eine somalische Asylantin oda ia Mo da Mane a vafoigta koptischa Christ vo Ägypten, des glaubt uns ja ois doch koa Mensch. Mia kenna ohnehin nur die innerdeutsche Migrationsquote bedienen. Gut dass einer von uns Sachs heißt. Jedoch: dialektisch bringt der von Sachsen gar nichts her. Also, hat es geheißen: Anderl, du bist jetzt in dem Geschäft vom Sprachenlerna drin, jetzt machst uns an Quotensachsen a no. Nu‘, hab isch gesocht, dass is a bissel viel verlangt. Ich beherrsche eischntlisch nur indogermanische Sprochen. Aber Geilschrift, indian‘sche Dialekte, allgäuerisch, oberpfälzisch oder nu sächsisch, ich wäß ne, wie är euch das vorstellt. Aber so ein bisschen bin ich dann doch neigekommen. Es gibt ja noch ein paar Erinnerungen an die Kontrollorgane früher in Hirschberg und Gutenfürst, die Unterrichtserfahrungen der Neunzigerjahre und nadierlisch an de S-Bahn vor Erfindung der audomodschn Duaschsochn. „Ess vier noch Gältenduff, de letzten drei Wochen nur nach Buchenau“, das wor genau so schön wie „Wenns Ia jezd ned aus da Lichtschrankn außageht, na kimmi hinta und vazei eich was.“

Dialekte sind nun ganz ernsthaft gesehen nicht nur zum Spaß da, sondern bergen ihre tiefen Wahrheiten. Ich selbst beneide viele Menschen, denen eine auch emotional so tragfähige Muttersprache solcher Art im wahrsten Sinne des Wortes mitgegeben wurde. Bei mir wäre der bayerische Dialekt angelerntes Theater, auf das ich geradezu aus einer gewissen Ehrfurcht und Bescheidenheit heraus verzichte. Unechtes Fernseh- und Filmbayrisch tut mir weh und sind mir peinlich. Dass des „Dahoam“ des bayerischen Fernsehens ned „Dahoam“ ist, bedarf keiner Darlegung. Einen Stich gibt es mir aber, wenn im „Sommer in Orange“ unseres verehrten Heimatfilmers und Genossen Marcus H. Rosenmüller eine Frau ruft: „ … Mit der Sauarbeit mach i mia doch meine Hend ned dreckig.“ Das spürt doch nun auch der Preuße, dass des hoaßn miassad „dreckat“. Wohlfeile Folklore wäre es natürlich, jeweils den heimatlichen Dialekt gut und urwüchsig und schön zu finden und sich über Schwaben, Berliner, Sachsen und Ostfriesen zu amüsieren. Was mir allerdings über das reine Vorurteil hinaus die süddeutsche Sprechweise in einem logopädischen Sinne sympathischer macht, ist die jedenfalls mehrheitlich andere Atemtechnik. Der Bayer lässt den Gedanken vor der Äußerung in die Tiefe des Zwerchfells hinabtauchen, von wo er dann mit der entsprechenden Atemluft stimmlich aufgeladen wird, bevor er das Gehege der Zähne verlässt.

(Rasend schnell zu sprechen:) Was ich nun aber vergleichsweise überhaupt nicht ab kann, ist eine nördlich und westlich häufig zu hörende zu schnelle und zu hohe Kopfstimme, mit der nun alles ganz hastich und übersprudelnd zum Besten gegeben wird, immer in der Angst vor der Konkurrenz durch einen noch schnelleren Besserwisser. Und das ja alles immer mit dem Anspruch, dass das alles nun kein Dialekt ist, sondern dass wir Hannoveraner das reinste Hochdeutsch sprechen und schon 10 Sätze formuliert haben, während der Bayer mit dem Einatmen noch nicht fertich ist, soweit er überhaupt schon von Alm wieder runtergekommen iss. Als Gegenpol zu all solchem Westerwellismus taugt mir nun freilich auch nicht ein Peter Ramsauer, denn die Abwesenheit jeden klugen Gedankens wird durch die reine Kraftphonetik nicht kompensiert.

Ich wage es in unserer derzeitigen Wahlkonstellation kaum zu denken, aber ganz geheim ertappe ich mich doch auch beim Überdruss an einer (Ude-imitierend) un-endlich silben-betonten tiefen über-deutlichen Aus-sprache, die viel-leicht auch in Fragen wie beispiels-weise der Be-jahung einer dritten Start-bahn einen leicht belehrenden Unter-ton für Menschen mit einer verzögerten Auf-fassungs-gabe weder unterdrücken will noch unterdrücken kann … Es gibt viele Geschichten und Erinnerungen, deren Wärme sich nur in der Fülle des Dialektes entfaltet. In meinem sozialdemokratischen Gedächtnis bleiben mir unvergesslich manche Szenen aus meinem Münchner Ortsverein Obergiesing II. Die römische II ist außerordentlich wichtig, denn unser politischer Gegner hieß damals nicht CSU, sondern trug die Namen Obergiesing I und III. Allein schon die Grenzkonflikte erinnerten manchmal an die Teilung Berlins, abgesehen freilich vom Dialekt. „In da Warngauer Straß‘ 47 is a Genosse Jakob Hintermeier zuazogn, und den hat jetzt Obergiesing I beansprucht, dabei gehört der ganz eindeutig uns, i‘ hob den Stadtplan mit der ganz genauen Grenzeinteilung von 1966 no amoi ganz genau ogschaugt …“

Unvergesslich auch der 80. Geburtstag des Genossen Josef Bernhard. Ortsvereinsvorsitzender Kurt Mahler, zugleich Betriebsratsvorsitzender des damals noch existierenden Agfa-Kamerawerks, hatte den Jubilar zu einer Vorstandssitzung eingeladen.

„Liebe Nossin und Nossen, ich begrüße Euch ganz herzlich zu unsa heitigen Vorstandssitzung. I frai mi ganz b‘sonders, lieber Sepp, dass Du ois oana vo unsare treiasten Genossen heid uns die Ehre gibst. Du gherst scho so lang zu uns und hast in so viele Ämta und Mandate …“

„Jo, Kurti, is scho guad, jetz mochds eia Tagesordnung“.

„Es is nämlich extra da Sohn vom Sepp aus New York kemma, und mir warn heid mim Sepp und seim Buam scho a wenig am Nockherberg, und mir san wirklich ganz außerordentlich stolz, dass Du ois an so dreia und vedienter Genosse …“

„Jo, Kurti, jetzt gib a moi a Ruah“

Die Vorstandssitzung nahm ihren Lauf, und der Vorarbeit von Nockherberg folgte die eine oder andere Halbe. Und wie dies bei politischen Gremien nicht ganz selten ist, entstand nach der durchschnittlich dritten Halben heftiger Streit, dessen Gegenstand ich vergessen habe, obwohl ich damals als Schriftführer all solche Begebenheiten zu notieren und dann der mechanischen Schreibmaschine anzuvertrauen hatte.

„Wenns Ihr mi ned gscheid unterstützt und wenns Ihr im Bezirksausschuss owei anders abstimmt ois mas da herin ausgmacht hom, na kennst Eich an Vorsitzenden suacha“ „Jo, Kurt, wennst aba a imma gleich so jähzornig bist …“ „Na, des hob i schon vorigs Moi gsagt.“ …

Nun musste wieder Sepp Bernhard das Wort ergreifen, der offenkundig auch bei einer gewissen Bierzufuhr noch relativ klaren Sinnes blieb: „Jetzt deads ma den Gfoin, dass an meim achtzigsten ned owei streits!“ Man besann sich tatsächlich eines Besseren und schloss bei einigen weiteren Bieren wieder tiefsten Frieden. Kurt Mahler, Sepp Bernhard, das waren mir nun freilich nicht nur irgendwelche altmünchner Parteioriginale. Jener 80. Geburtstag wurde im Jahre 1983 gefeiert. Kurt Mahler war damals etwa 60 Jahre alt. Zu seiner Politisierung hatte ein Erlebnis gegen Kriegsende beigetragen. Der blutjunge Soldat hatte im Verlaufe der allerletzten Rückzugsbewegungen auf der schwäbischen Alb mit seinen Kameraden erschöpft an irgendeinem Haus geklopft. Den müden Kriegern wurde freundlich geöffnet. Man war freilich nicht irgendwo angekommen, sondern im Elternhaus der Geschwister Scholl. Zur warmen Suppe gab es schon vor der Kapitulation ein kleines politisches Seminar.

Sepp Bernhard war 1903 geboren. Der SPD gehörte er seit 1921 an, seit 62 Jahren. In seinem Parteibuch hatte die Rubrik „frühere Mitgliedschaft“ mit einem Zeitraum vor 1933 noch ihre Bedeutung. Er hatte alle Wahlkämpfe und Saalschlachten mit Nazis und mit Kommunisten in den frühen dreißiger Jahren mitgemacht. Doch seine politische Aktivität hatte noch weiter zurückgereicht. Am 7. November 1918 war er alt genug und reif genug gewesen, um an der großen Friedensdemonstration auf der Theresienwiese mit Kurt Eisner teilzunehmen und anschließend am Sturz der damals seit 739 Jahren regierenden Wittelsbacher Dynastie teilzunehmen und den Münchner Neuesten Nachrichten die Gelegenheit zu der bis heute gültigen Schlagzeile zu geben „Bayern ist fortan ein Freistaat“. Nie vergessen habe ich auch das Detail, dass ein 15jähriger im fünften Herbst des Krieges barfuß zum Demonstrieren gehen musste. Von Sepp Bernhard habe ich am Ostfriedhof Abschied genommen, kurz nachdem ich 1989 nach Eichenau gezogen war. Kurt Mahler starb leider schon wenig später. Ich bin fürs Leben dankbar, dass ich mit solchen Genossen zusammenarbeiten und am Biertisch sitzen und lachen und streiten durfte, mit Genossen und Genossinnen, die zu ihrer Zeit an ihrem Ort ehrlichen Sinnes das Richtige getan und gesagt haben.

Andreas Knipping

Zu meiner Freude bedankt sich Genosse Richard Schwarz für den Gruß an Kurt Mahler, den er gut gekannt hat.