Vom Mord an Eisner bis zur „Ordnungszelle Bayern“: Die Rechte triumphiert

Eine ruhige Entwicklung war dem Freistaat Bayern und seiner vom Kriege erschöpften Bevölkerung nicht gegönnt.

Am 21. Februar 1919 wurde Ministerpräsident Kurt Eisner von einem rechtsradikalen Attentäter auf offener Straße ermordet. Eine Radikalisierung auf der linken Seite des politischen Spektrums war die Folge.

Sie mündete in der Ausrufung einer anarchistisch-idealistisch geprägten Räterepublik, die nach wenigen Tagen durch eine radikalsozialistisch-kommunistisch geführte zweite Räterepublik abgelöst wurde. Anfang Mai schlugen Reichswehr und rechtsradikale Freikorps die Räterepublik in München brutal nieder, richteten unter ihren Verteidigern - und unter völlig Unbeteiligten - ein Blutbad an und ermordeten unter dem Deckmantel einer Kriegsgerichtsbarkeit ihre politischen und geistigen Führer. Der Mordlust fielen auch russische Kriegsgefangene im Lager Puchheim zum Opfer, die man aufgrund des bolschewistischen Umsturzes in ihrer fernen Heimat kurzerhand für politische Umtriebe in Deutschland büßen ließ.

Chronik03 Russiche Kriegsgefangene

Die Niederschlagung der Räterepublik wurde zu einem bestimmenden Ereignis für den weiteren Gang der bayerischen und deutschen Geschichte, denn sie war die erste blutige Probe für jenen antibolschewistisch-antijüdischen-antislawischen Krieg nach innen und nach außen, der vierzehn Jahre später auf ganz Deutschland und weitere sechs Jahre später auf fast ganz Europa ausgedehnt werden und zu den größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte führen sollte .

Die Demokraten standen in Bayern fortan mit dem Rücken zur Wand. Zur Weimarer Republik und zu einem demokratisch verfaßten Freistaat Bayern standen im damaligen Parteienspektrum außer der SPD und der USPD nur kleinere bürgerlich-liberale Parteien.

Die SPD-Führung in Bayern und im Reich glaubte in Verkennung der realen Bedrohungen, sie müsse zur Rettung von „Ruhe und Ordnung“ vor dem „Bolschewismus“ republikfeindliche Reichswehr und terroristische Freikorps gewähren lassen.
Die mit 32 bis 39 Prozent der Wählerstimmen zwischen 1919 und 1933 führende katholisch-konservative Bayerische Volkspartei (BVP) bekämpfte zwar die Institutionen der Republik nicht aktiv, machte aber aus ihrer Vorliebe für die Monarchie oder eine andere autoritäre Staatsform keinen Hehl.
Die KPD hielt die Empörung über die Terrormaßnahmen des Mai 1919 wach, konnte aber außerhalb der Arbeiterviertel der Großstädte kaum Fuß fassen.
Ein maßgeblicher (zunächst) außerparlamentarischer Machtfaktor blieb nach seiner Feuerprobe im Mai 1919 der Rechtsradikalismus, der ab 1920 sein organisatorisches Zentrum in der von Adolf Hitler geführten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei fand.

Von 1919 bis 1920 stellte die SPD in Bayern noch den Ministerpräsidenten einer Koalitionsregierung.
Als im März 1920 reaktionäre Militärs in Berlin einen Putschversuch unternahmen, sah die konservative bayerische Landtagsmehrheit die Stunde für einen Kurswechsel gekommen und erzwang den Rücktritt von Hoffmann (SPD) , um ihn durch den extrem reaktionären von Kahr (BVP) zu ersetzen. Während der Kapp-Putsch in Berlin unter dem Eindruck eines Generalstreiks scheiterte, blieb Kahr an der Macht und verfolgte im offenen Konflikt mit Reichsregierung und Reichsverfassung sein Konzept einer „Ordnungszelle Bayern“.
Unter von Kahr und seinem Nachfolger Knilling war Bayern nur mehr nach den Buchstaben der Verfassung eine parlamentarische Demokratie, die Regierungspraxis hingegen war die eines autoritären Regimes, das seine Aufgabe vor allem in der Überwachung und Bekämpfung aller „linken Umtriebe“ sah , der monarchistischen, der militaristischen und der völkisch-faschistischen Rechten hingegen jegliche Freiheit gewährte.