Krisenjahr 1923

Zweimal S.A. - das Krisenjahr 1923

Das Jahr 1923 gehört zu den düstersten in der so wenig glücklichen Zeit der Weimarer Republik:
Die Westalliierten besetzten unter dem Vorwand unpünktlicher Reparationslieferungen das Ruhrgebiet, westlich des Rheins regten sich separatistische Tendenzen, die Inflation führte dazu, dass Geldscheine mit fast nicht mehr zählbaren Nullen nicht einmal mehr fürs tägliche Brot reichten.

Solche Zeitumstände waren kaum geeignet, Deutschland inneren Frieden zu bringen. In Bayern spielte der Rechtsradikalismus weiterhin eine große Rolle. Die aus den Freikorps rekrutierten Nationalsozialisten setzten von Anfang an Gewalt für ihren politischen Aufstieg ein.

Die sogenannten „Sturmabteilungen“ oder „S.A.“ machten bei Hitler-Kundgebungen Zwischenrufer oder gegnerische Diskussionsredner auf handgreifliche Weise mundtot und sprengten sozialdemokratische und kommunistische Versammlungen. Als Schutz gegen diese Schlägertruppe bildeten sich etwa Anfang 1923 in München und anderen Hochburgen der Sozialdemokratie die aus SPD und Gewerkschaften und teilweise wohl auch aus der KPD rekrutierten „Sicherheits-Abteilungen“. Linke „Genossen“ und faschistische „Parteigenossen“ kämpften nicht zuletzt um Begriffe, Symbole und Abkürzungen: Auch die linke Schutztruppe nannte sich „S.A.“. Die Parteiverbände besaßen Waffen und veranstalteten militärähnliche Übungen. Durch die wenig geordnete Auflösung des Heeres nach dem verlorenen Krieg waren viele Waffen unkontrolliert unters Volk gekommen.

Ehemalige Weltkriegssoldaten wußten auch bestens mit ihnen umzugehen. Am 10. Juni 1923 fand die „Standartenweihe“ der neugegründeten „S.A. der V.S.P. Eichenau-Roggenstein“ statt. Zu diesem festlichen Anlaß hatten sich zahlreiche Mitstreiter eingefunden. Der von der politischen Polizei verfaßte Bericht stellte die Anwesenheit folgender Sektionen fest: „Alling mit ungefähr 20 Mann und einer Fahne, Bruck mit 20 - 30 Mann und Fahne, Obermenzing mit 20 - 30 Mann und Fahne, Pasing mit 40 - 50 Mann und Standarte, Aubing mit 40 - 50 Jugendgenossen ..., ferner waren vertreten die Jungmannschaften der S.A. Schwabing, Nordwest und Briennerviertel, im ganzen 60 - 70 Mann.“ Auch die Festrede hat die Polizei für die Nachwelt protokolliert: Der „Gen. Keil“ wird wie folgt zitiert:
„Heute befinden wir uns in einer Gemeinde, in der bereits eine Abwehrorganisation unter dem Namen S.A. gegründet worden ist. Diese hat heute das Glück, vor der Standartenenthüllung zu stehen. Diese Tatsache beweist, daß die Genossen von Eichenau und Roggenstein von Idealismus beseelt sind. Sonst könnten sie nicht in so kurzer Zeit zu einer Standartenenthüllung schreiten. Daß wir, speziell wir in Bayern, in einer sehr ernsten Zeit leben, weiß wohl ein jeder. Täglich haben wir Schikanen von seiten der Reaktion zu erdulden, die nur in Bayern ihr Haupt so frech erhebt. Wir Sozialisten sahen uns daher gezwungen, eine Abwehrorganisation zu bilden, keine Sturmtrupps wie Hitler sie schuf, die aufs Angreifen ausgehen; wir werden nie angreifen, sondern uns lediglich in der Abwehr betätigen. - Ich habe das feste Vertrauen, daß die Gemeinde Eichenau-Roggenstein treu zu ihrer Standarte halten wird und wir der Entwicklung unserer gerechten Sache ruhig entgegensehen können.“
Weiter heißt es: „Keil schloß seine Ausführungen mit einem dreimaligen Hoch auf die deutsche Republik (Beifall!).“
Am 10. Juli 1923 teilte das Bezirksamt Fürstenfeldbruck der Polizeidirektion München mit „Betreff: Bildung einer S.A. der Ortsgruppe der sozialdemokratischen Partei Eichenau-Roggenstein. Die neugegründete S.A. ist dem Reichsbund angegliedert und untersteht der Zentrale München. Die Gründung scheint durch einen Konsumvereinsangestellten in München (angeblich Weber) erfolgt zu sein, der auch jetzt noch an den Sonntagen nach Eichenau kommt. Die Ortsgruppe hat zurzeit 70 Mitglieder. Waffenbesitz oder Abhaltung von Uebungen konnte nicht festgestellt werden. Als Grund der Organisation wird Abwehr gegen die Nationalsozialisten angegeben. Die Bewegung wird fortgesetzt überwacht.“ Die Geschichte der heute vergessenen „linken“ S.A. war kurz: Am 26. September 1923 machte Gustav von Kahr sich mittels eines „Staatstreiches von oben“ zum „Generalstaatskommissar“ und verhängte den Ausnahmezustand über Bayern. Eine seiner ersten Maßnahmen wurde im Staatsanzeiger Nr. 227 veröffentlicht: „Am 29. September hat der Generalstaatskommissar alle Sicherheits- und Selbstschutzverbände der Vereinigten Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei verboten und aufgelöst.“
Den nationalsozialistischen Organisationen wurden keinerlei Einschränkungen auferlegt.
Nur sechs Wochen später schritten sie in München zum blutigen Aufstand: Während von Kahr mit gleichgesinnten Militärs einen reaktionären „Marsch auf Berlin“ vorbereitete, um die rechtmäßige Reichsregierung zu stürzen und eine Rechtsdiktatur zu errichten, versuchten Hitler und seine Anhänger gewaltsam, die Macht an sich zu reißen.
Von Kahr distanzierte sich im letzten Moment von dem Staatsstreich. Nach einer Schießerei an der Feldherrnhalle am 9. November 1923 lagen 16 tote Putschisten und drei in Verteidigung der verfassungsmäßigen Ordnung gefallene Polizisten auf den Straßen.
Vier Jahre, nachdem bei der Niederschlagung der Räterepublik der Besitz eines linken Flugblattes oder einer Weltkriegspistole bei einem Arbeiter als Grund für die standrechtliche Erschießung genügt hatte, wurde Hitler für ein brutales Bürgerkriegs- und Hochverratsunternehmen mit gerade einmal sechs Monaten einer komfortablen Festungshaft in Landsberg „bestraft“.

Die Geschichte der politischen Kampfverbände endete nicht mit dem Jahr 1923: Die Sozialdemokraten gründeten 1924 auf Reichsebene die Selbstverteidigungsorganisation „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“. Die Kommunisten bildeten den „Roten Frontkämpferbund“. Hitlers S.A. verfiel wie alle nationalsozialistischen Organisationen zunächste der Bedeutungslosigkeit, bis dann ab 1929 unter dem Vorzeichen der Weltwirtschaftskrise der Wiederaufstieg der Nazibewegung begann .
Die S.A. wurde zum größten und aggressivsten paramilitärischen Verband der späten Weimarer Zeit. Sie hatte erheblichen Anteil an der Eroberung der Straßen und Veranstaltungslokale 1931/32 und der Rathäuser, der Verlage und der demokratischen Partei- und Gewerkschaftsbüros 1933.
Das Gröbenzeller SPD-Mitglied Joseph Schäflein wurde im März 1933 von SA-Schlägern so mißhandelt, daß er auf einem Auge erblindete und seine volle Gesundheit niemals wiedererlangte.
„Unsere Ehre heißt Treue“ lautete ein Wahlspruch Hitlers. Dies galt aber nicht einmal zugunsten der eigenen Weggefährten: Als die SA-Führung nach der erfolgreichen „Machtergreifung“ zu selbstbewußt wurde, ließ Hitler sie am 30. Juni 1934 kurzerhand erschießen.
Auch Dankbarkeit war nicht die Sache des „Führers“: Gustav von Kahr, der nachsichtige Förderer der frühen Jahre, büßte für seinen Widerstand gegen den urspünglich mitinszenierten Putsch vom 9. November 1923 am selben Tag mit dem Tode.