1922: Sozialdemokraten in Eichenau

In den Kriegs- und Nachkriegsjahren wurde Eichenau größer - und ärmlicher. 1919 zählte man 227 Einwohner. Im Gegensatz zur zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, in der ins Grüne zog, wer es sich leisten konnte, verließ in den Krisenjahren zwischen Erstem Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise die Großstadt, wer sich das Leben dort nicht mehr leisten konnte. Wir können uns heute nicht mehr vorstellen, daß die große Münchner Mülldeponie in Puchheim Bahnhof vielen Familien bis nach Eichenau notdürftig Wohnung und Einkommen bot.

Häuser baute man aus Sägewerksabfällen („Schwartlinge“), die man mit ausgedienten blechernen Reklametafeln von der Deponie verkleidete. Ein bescheidenes Einkommen war aus dem Durchwühlen des Großstadtmülls nach Weißblech, Kupferdraht, Glas und Eisenschrott zu gewinnen.

In den katholischen bäuerlich geprägten Landgemeinden Bayerns, so auch in Alling, dominierte in den zwanziger Jahren die klerikal-konservative Bayerische Volkspartei genauso wie ihre Vorgänger seit dem Beginn der Parteipolitik in Deutschland um 1848 (und wie die Konservativen noch heute).
Eichenau als Siedlung vornehmlich ärmerer Arbeiter hatte wie auch die Industrie- und Gewerbestandorte Olching und Fürstenfeldbruck oder das noch selbständige Pasing viele Bewohner, die nach sozialer Stellung und Interessenlage zur SPD oder auch zur KPD tendierten.
Bei der Gemeinderatswahl am 15. Juni 1919 wurde ein Eichenauer Sozialdemokrat, der Koch Georg Graßl, der sich auch Eichinger nannte, für Eichenau Mitglied des Allinger Gemeinderates.
Am 28. Februar 1921 erteilte das Bezirksamt Fürstenfeldbruck auf Antrag von Georg Eichinger die (unter dem Regime Kahr/Knilling notwendige!) Erlaubnis für eine am Samstag, den 5. März „abends 6 ½ h“ in der Gastwirtschaft des Staatsgutes Roggenstein vorgesehene „politische Versammlung“, auf der der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Hans Nimmerfall über das Thema „Die Deutsche Republik“ sprechen sollte. Unterzeichner der Genehmigung war der Fürstenfeldbrucker Bezirksamtmann Oberregierungsrat Nibler , der bereits im September 1921 verstarb und in Eichenau durch eine nach ihm benannte Straße in Erinnerung ist.

Aus dem Jahre 1922 ist eine „Bescheinigung“ erhalten geblieben, mit der Max Neumaier, Schriftführer, und Georg Berchtold, 2. Vorsitzender, handschriftlich bestätigen: „Als Vorstand der Sozi. Dem. Partei Ortsverein Eichenau ist zur Zeit gewählt Berchtold Johann.“

Diese Bescheinigung kann als dürftige Geburtsurkunde unseres Ortsvereins gelten. Von Johann Berchtold wissen wir, daß er 1888 in Rott geboren wurde, von Beruf Briefträger war, und der SPD von 1910 bis 1933 und wieder ab 1945 angehörte. Als Mitglieder aus den Jahren 1923 bis 1933 sind des weiteren namentlich überliefert: Josef Bauer (1896 - 1961, Maurer), Georg Eichinger (1889 - 1935), Josef Eisenknöppel (1885 - 1929, Hafner und Krämer), Robert Gerum, Martin Götzenberger, Kurt Junghändl, Josef Ludwig, Christian Rößler (zeitweise Vorstand), Georg Scheitinger (1882 - 1952, Maurermeister, Teilhaber eines Baugeschäfts), Johann Schlamp, Paul und Peter Schmölzl (letzterer war Mechaniker), Josef Schwald und Josef Tafelmeier (Eisenbahner, zeitweise Kassier).

Im September 1922 vereinigten sich (Mehrheits-)SPD und USPD wieder und führten einige Zeit den Namen „Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (VSPD). In unserer engeren Heimat war 1922 keine Vereinigung, sondern eine Trennung das wichtigste politische Ziel: Allzugerne hätten sich das ländlich-konservative Alling und die Arbeiter- und Kleingärtnerkolonie Eichenau voneinander losgelöst. Hierfür waren lokalpolitischer Egoismus auf beiden Seiten wohl genauso maßgebend wie die oben skizzierten grundsätzlichen Konflikte zwischen den in den gegensätzlichen Sozialstrukturen verwurzelten politischen Milieus der Zeit.